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Kunstkalender von der Reise

24.09.2006
Ushuaia, Argentinien II

21.09.2006
Ushuaia, Argentinien I

20.09.2006
Ushuaia, Feuerland, Patagonien, Argentinien

14.09.2006
Abbruch der Seereise

13.09.2006
Rettungsflug im Süd-Polarmeer

11.09.2006
-2 bis 0 Grad

09.09.2006
Eisstation

04.09.2006
Eisberg in Sicht!

02.09.2006
Wir kommen in die 'Wilden Fünfziger'!

01.09.2006
J. Wassmuth: Erst jetzt wird so richtig klar in welchen Dimensionen ich stecke.

27.08.2006
J. Wassmuth ist an Bord des FS Polarstern (ForschungsSchiff)

23.08.2006
J. Wassmuth sammelt die ersten visuellen Eindrücke von Cape Town

21.08.2006
J. Wassmuth kommt in Cape Town an und trifft die letzten Vorbereitungen für die Seereise auf der POLARSTERN


Nichts ist so stark wie eine Idee, dessen Zeit gekommen ist.

 

Sponsoren

Wir danken folgenden Sponsoren, die das Unternehmen -Wassmuth/Polarstern- unterstützen:

 

 



Ziel ist die Antarktis, der Fotodesigner Jürgen Wassmuth reist auf der FS Polarstern, das Flaggschiff des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung:
Ein Tagebuch direkt von der See...

 

 
Von den Bildern dieser Reise wird ein Kunstkalender entstehen.
Weitere Informationen in Kürze an dieser Stelle.

 

 

- 24.09.06 -

Ushuaia, Argentinien II

Aus dem Antarktis-Projekt ist eine ATLANTIK PASSAGE geworden!

Mit der POLARSTERN vom Kap der Guten Hoffnung zum Kap Horn. Südafrika - Antarktis - Südamerika, das Ende der Welt. "Eine Küste zu betrachten, wie sie am Schiff vorbeigleitet, das ist, als ob man über ein Rätsel nachdachte. Da ist sie vor dir - lächelnd, abweisend, einladend, grossartig, trostlos, unscheinbar oder wild, und immer stumm, obwohl sie stets zu flüstern scheint. Komm her und find es heraus." Joseph Conrad, Herz der Finsternis.

Das Unterwegs sein gibt - was immer auch unterwegs passiert - das erregende Gefühl, ständig etwas Neues vor sich zu haben. Das unerwartete Ändern der Pläne und Route gibt den Bildern eine Elektrizität und damit der neu entstandenen Bild-Geschichte Spannung.

Brummen und Rauschen, Langeweile und Nebel, Eis und Weite, Kälte und Sonne.

Sonnenstrahlen sprühen über und unter die Wellen. Lachend strecken sie dem eisigen Wind ihre Lichtzungen heraus, während die scharfen Böen sich mit den Schaumkronen zur Jagd verbünden.

Weit oben, hinter diesen blau-weiss-gelben Kaskaden leuchten die Puderzuckerspitzen der Berge, die die Temperaturen ins Tal fegen, um gegen die Wärme des Lichtes zu protestieren.

Die Reise ist niemals zu Ende aber es tut gut, den Heimathafen anzulaufen.

Auch die Expedition der POLARSTERN musste abgebrochen werden, weil das Eis zu dick wurde und die ursprünglichen Ziele nicht erreicht werden konnten. Der Kontakt reisst nicht ab und die Gemeinschaft, die an Bord entstanden ist, diese seltsame Gemeinsamkeit der Menschen, die eine Expedition unternehmen und sich aufeinander verlassen und vertrauen, trägt weiter über das Projekt hinaus.

 

 

- 21.09.06 -

Ushuaia, Argentinien I

Die Piste zum Leuchtturm war ein Steinbruch.

Und für Roberto war es Ehre und Spass zugleich, die grossen Gesteinsbrocken zu umkurven wie ein Rennfahrer.

Leider war es mir nicht möglich, ihm begreiflich zu machen, dass ich Zeit im Überfluss hatte und mir nicht an halsbrecherischer schneller Fahrt gelegen war. Im Gegenteil, alle Versuche, ihn zur Raeson zu bringen,stachelten ihn noch mehr an. Bis ich mich schliesslich fügte, mein Schicksal akzeptierte und erstaunt zur Kenntnis nahm, dass er nun auch ruhiger und gelassener wurde, sich eine Zigarette zwischen die Lippen steckte und nur noch ab und zu einen abschätzenden Blick in den Spiegel warf, um sich meiner Reaktion zu vergewissern.

Wohlgemerkt, Ruhe ist ein relativer Begriff. Und das gilt für argentinische Taxifahrer im Besonderen.

Der Stolz, mich schliesslich ans äusserste Ende der Insel bugsiert zu haben, stand ganz im Gegensatz zur ärmlichen Erscheinung des als Faro, Leuchtturm, verzeichneten Stahlgerippes mit seinen schwarz-gelb gestrichenen Blechplatten der Verkleidung. Doch die Aussicht dahinter!

Der weite Raum schien sich heute auf alle Spielarten der Farbe Magenta zu konzentrieren. Solche Pastellfarben gehen an anderer Stelle als Kitsch durch - heute schaffen sie eine Atmosphäre, der man nichts - aber auch gar nichts - hinzufügen kann.

 

 

- 20.09.06 -

Ushuaia, Feuerland, Patagonien, Argentinien

El Fin del Mundo - gestrandet am Ende der Welt.

Ein paar Tage braucht ich schon, um mich daran zu gewöhnen, die "grosse weisse Stille" verpasst zu haben, gerade als ich glaubte, sie be-greifen zu können.

Vom Weddell-Meer zur Bahia de Ushuaia, mehr als 1000 Kilometer durch die Drake Passage und den Atlantico del Sud. Gefrorenes Wasser und Feuerland? Ich reibe mir die Augen und lese verwundert die Schrift am Hafen, die mir erzählt, 4.200 Kilometer von Südafrika entfernt zu sein. Wenn die Welt in Patagonien zu Ende ist, was ist dann Antarktika? Und wenn im Tierra del Fuego die Feuer ausgehen, was ist dann bitteschön Ushuaia?

Dies ist eher der Anfang! Selbst Gevatter Darwin vor 200 Jahren zeigte Begeisterung beim Zusammenspiel von Meer, Land und Wetter. Leuchtendweisse Bergspitzen vor dem fjordähnlichen Wassern geben dem Ort eine Kulisse, die El Fin del Mundo als Werbespruch entlarvt.

Man sieht noch die einfachen, ärmlichen Häuser der vor-touristischen Zeit, gleichzeitig aber schon die Schicki-Micki-Schuppen zwischen Coffeeshop und Hotel. Zollfrei zudem! Die kleine Hauptstrasse quillt über von Touristen und jungen Argentinos, die mit ihren alten Blechkisten auch ein bischen cruisen wollen. Abgasgestank inbegriffen. Das Schmunzeln bleibt im Halse stecken.

Wir sind auf einer der Inseln des Süd-Atlantik, 55 Grad Süd, 68 Grad West, die südlichste Stadt der Welt. Ich weiss nicht, ob der gestrandete rostige Dampfer im Hafen gewollt pittoresk in Szene gesetzt oder schlicht der Gleichgültigkeit preisgegeben wurde. Er passt so genau hierher, dass man die Identität der früheren und härteren Zeiten spüren kann unter der gleichmachenden modernen Sosse.

 

 

- 14.09.06 -

Tanz mit den Wellen

Der Blick aus den Kabinenfenstern läßt erstaunliche Wellengebirge erkennen. Rutscht das Schiff in ein Tal, türmen sich die grauen Massen bedrohlich hoch, um nur ja keine Wolke über ihre Gischtkronen lugen zu lassen. Dann wieder schien das abgerundete Viereck nur noch aus zerfetzten Wolkenlappen zu bestehen, rasend getrieben und bedacht, die Sonne zu verhüllen, die es ab und an trotzdem schafft, ein fahles Licht durch das zerrissene Grau zu schicken.

Melville sprach im Moby Dick von der Mächtigkeit und Weite des Meeres als "the magnamanity of sea". Ein Wort, das sich nicht übersetzen lässt und in dem alle Groesse steckt, die ich jetzt erlebe. Die Dünung kommt von Dwars (von der Seite) und bringt das Schiff derart zur Krängung, dass Laufen und Bewegung der Besatzung zur unfreiwilligen Ballettpartitur gerät, die man nur aufzeichnen müsste, um Stoff und Anschauungsmaterial für dutzende Tanzschulen zu haben.

Dazu noch ein Tablett mit Roulade, Kloessen und Kaffee - eine Anstellung im Zirkus wäre perfekt. Die meisten Menschen an Bord haben sich dezent in ihre Kammern zurückgezogen und auch ich bin froh, in meiner Koje zu liegen.

Das Rollen vom Bug nach achtern lässt sich nicht vermeiden aber die seitliche Schaukelbewegung wird aufgefangen durch die kardanische Aufhängung des Bettgestells. Kurz gesagt: die Koje schaukelt derart bis zu einem Winkel von 45 Grad, dass meine Arme immer wieder zucken, mich aufzufangen vor dem Absturz, dann aber doch amüsiert zur Kenntnis nahmen: das ganze Schiff schlingerte - nur ich und meine Koje nicht! Nach einer Weile stiehlt sich ein Lächeln auf meine Lippen: innerhalb von 3 Wochen das Südpolarmeer zu durchschippern von Südafrika nach Feuerland, vom Kap der Guten Hoffnung zum Kap Hoorn mit all den Eis-Erlebnissen am 60. Breitengrad, der aussergewöhnlichen Gemeinschaft an Bord, das ist ein Privileg, das für mich nur entstand, weil mein Projekt "LightPainting in Ice" abgebrochen werden musste, als es gerade richtig loszugehen schien.

Es tut weh, sich davon zu verabschieden. Aber es ist ein wundervoller Gedanke, die Einladung des Fahrtleiters wahrzumachen und dieses Projekt, diese Reise bei nächster Gelegenheit fortzusetzen.

 

 

- 13.09.06 -

Rettungsflug im Süd-Polarmeer

Eingepackt in einen Survival-Suit, wasserdicht und wärmeisolierend, werde ich unter den hinteren Rotoren in die Ladeluke geschoben, bis mein Kopf vorn in der Kanzel wieder hervorkommt. Die Rücksitze der BO 105 sind ausgebaut, um Platz zu schaffen für die Trage, den Doc und die Ausrüstungskoffer.

Zwei Tage zuvor gab es eine Kapitänsentscheidung zur "Nothafelung".

Wegen meiner gesundheitlichen Probleme, die nicht in den Griff zu kriegen waren, sollte ich ausgeflogen werden zur chilenischen Antarktis-Station auf King George Island, wo mich ein Flieger aufnehmen und zum Festland bringen wird. Dem stand aber ein grosses Packeisfeld entgegen, dessen Durchbrechen zu viel Zeit und Energie gekostet hätte.

Trotz bester Wetterbedingungen war die Position aber ausserhalb der Reichweite der Helicopter. Also weiteres Heranfahren um das Eis herum. In der Nacht Wetteränderung und Verschiebung des Flugplans: Schneeschauer im Anmarsch, wir warten auf ein Flugfenster im Rücken des aufkommenden Sturms. Mit wundervoller Verabschiedung von Wissenschaftlern und Besatzung an Bord - einige Tränen rutschten in den kostbaren Survival Suit - schoben wir uns mit Getoese in die Luft.

Doch wie gross war die Enttäuschung nach der Landung: der chilenische Kommandant verweigerte jede Hilfeleistung, behauptete, nicht informiert zu sein und schickte uns zur Polarstern zurück, trotz einer Zusage am Vorabend. Da die Wettersituation weiterhin instabil war, wurde schließlich am Ende eines aufregenden Tages entschieden: Weiterfahrt des Schiffes in die Hubschrauber-Reichweite von Feuerland, um mich in die Stadt Ushuaia auszufliegen.

 

 

- 11.09.06 -

-2 bis 0 Grad

"Warm" ist es geworden, -2 bis 0 Grad. 2 Meter dickes Eis sorgt für ständige Erschütterungen des Rumpfes, manchmal neigt sich das Deck zur Seite bei einer besonders festen Scholle. Die Brücke ist doppelt besetzt. 6 Knoten, alles weiss vor Nebel, nur schemenhaft kann man offene Wasserstellen entdecken. Das Radar ist ermoeglicht einmal mehr die Orientierung. Starkes Schneetreiben. Die Schneedecke klebt am Rumpf und bremst stark. Die Intering-Anlage ist in Betrieb für ständiges seitliches Schaukeln, damit der Rumpf nicht festklemmt. Die Route wird immer wieder mit Ferngläsern ausgespäht, um Risse und Rinnen zu finden bzw. Eis-Ridges zu vermeiden. Gegen ein Festfahren im Eis ist Fingespitzengefühl gefragt. Trotz allem grosse Ruhe.

Kurz vor den South Orkney Islands erzählt der Kapitän über die Antarktis, den internationalen Vertrag und den 60. Breitengrad. 1958 wurde der Vertrag für 50 Jahre unterzeichnet mit einem Zusatzprotokoll von 1990. Keine Nation kann Besitzansprüche stellen, jeder, der über den 60. Breitengrad fährt, meldet sich bei der SCAR (Standing Comitee of Antarctic Research) an und hat bestimmte Regeln zum Schutz des "Weltparks Antarktis" zu befolgen. Auch an Bord werden wir noch einmal eindringlich unterwiesen.

Mühsam und quälend langsam geht es voran - oder vielmehr nicht: was wir an Fahrt bewältigen wird zunichte gemacht durch die Eisdrift. Wir haben Gegenwind aus Süd-West. Wir sind immer noch nicht da, wo wir vor 6 Stunden hätten sein sollen. Zeitpläne haben eine sehr geringe Halbwertzeit ich lerne, dass Fahrten ins Eis sehr viel Geduld und Flexibilität erfordern.

Nächste Station wird wohl die eigene Koje sein.

 

 

- 09.09.06 -

Eisstation

20 rote Tempex-Anzüge stürmen die Gangway hinunter, unterschiedlichste Schlitten und Kisten im Schlepptau. Als wollten die durchs Warten gequälten Wissenschaftler-Seelen sich endlich Raum schaffen, schwärmen sie in Mannschaftsstärke aus, nicht ohne ihre Claims abzustecken und sehr deutlich zu machen, das dieser spezielle Abschnitt ihrer sei und tabu für die anderen. Geräte ausgepackt, zusammengebaut, Papier und Bleistift gezückt, brüllen ploetzlich und vielstimmig die Motoren. Eis wird gebohrt, begutachtet, zerteilt und abgepackt. Bäuchlings vor den Eislöchern wird vorsichtig mit Suppenkellen Probe genommen. Konzentrierte Arbeit für die nächsten zwei Stunden. Und nur die Dunkelheit kann die Besessenen davon abhalten, der Kälte zu trotzen. Den Wetterumschwung mit dem schoenen Sonnenuntergang haben ohnehin gar nicht alle bemerkt. Mit den letzten Lichtstrahlen wird Sack und Pack zurückbefoerdert und erschoepft sitzt man beim Abendessen.

Aber damit nicht genug. Proben müssen untersucht, analysiert und verpackt werden für weitere Arbeiten zu Hause in Deutschland, Geräte gesäubert, Akkus geladen und neue Behälter bereitgestellt werden. Manches Laborlicht erlischt erst mitten in der Nacht, während die Polarstern schon lange wieder unterwegs ist zur nächsten "Station".

Die Nacht ist geprägt vom stundenlangen Rammen einer riesigen Eisscholle, die den Weg versperrt. Vor und zurück peitschen die riesigen Motoren das Weddell-Meer und immer wieder läuft ein Rumpeln und Zittern durch das Schiff, als bäume es sich wütend auf gegen das Eis, das zwischen die Schrauben kommt und das Weiterkommen erschwert.

Trotz aller Widrigkeiten sitzt Storekeeper Jörg (Pelle) rittlings auf dem Motorblock, die Arme bis zur Schulter im Zylinderkopf vergraben. Mal eben Auslass- und Einspritzventil austauschen, weil der Motor nicht rund lief. Gut gelaunt und ein Auge zwinkernd foerdert er erstaunlich grosse Einzelteile zu Tage und in all dem Brüllen und Brausen im Bauch der Polarstern diskutiert er mit dem Chief die Reparatur. Seit 24 Jahren sind die Maschinen im Einsatz, 24 Stunden pro Tag. Mitten im Eis des antarktischen Ozeans eine Operation am offenen Motor als sei es das normalste der Welt.

 

 

- 04.09.06 -

Eisberg in Sicht

Das Meer ist verdächtig ruhig. Die sachte Bewegung des Schiffes passt zu dem Blick aus dem Bullauge. Grau über Grau sind Himmel und Wasser nur durch eine undefinierbare Linie im Nebel getrennt. Es regnet. "Genießt den Regen, es kann der letzte für 9 Wochen sein!" schmunzelt der Wetterfrosch.

Angeregte Stimmung beim Frühstück. Ein Gespräch über die 'Delle im Indischen Ozean'. Ich kann der Experten-Diskussion kaum folgen und frage nach: durch geringe Dichte der Erdkruste unter dem Ozean kommt es zu unterschiedlicher Gravitation. Was wiederum dazu führt, daß der Indische Ozean zu einer gigantischen Wasserschüssel mit ca. 100 Meter Tiefe verformt wird. Was das mit der Antarktis zu tun hat? Bis auf die Tatsache, daß auch die GPS-Satelliten von diesem Phänomen beeinflusst werden, eigentlich nichts - nur entspannende Unterhaltung unter Wissenschaftlern.

Die Eisgrenze rund um den Kontinent verläuft in diesem Jahr sehr weit nördlich und wir nähern uns einer Eis-Nase in der Nähe der Sandwich Islands nach einem Tiefseegraben von 7000 Metern. Packeis, Pfannkuchen-Eis, Shuga-Eis und Viel-Jahres-Eis schwirren als Begriffe durch den Salon. Christian rekrutiert Eis-Beobachter. Je näher wir dem Eis kommen, umso mehr scheint sich das Vibrieren der Motoren und des Schiffes auf die Menschen zu übertragen. Überall wird gehämmert, gebohrt, geschrieben und getestet. Labore werden zusammengebaut, Geräte überprüft und die Crew erfüllt Sonderwünsche wie Eis-Stopfen (damit die Löcher nicht ständig zufrieren), Kästen für das Ernten von Frost-Blumen und Auslegerschlitten für Wasserproben.

Das Tiefdruckgebiet scheint nach Norden abgewandert und die Aussicht auf gutes Wetter auf dem Eis lockt.


 

- 02.09.06 -

Wir kommen in die 'Wilden Fünfziger'!

Aber sind ganz glücklich, daß sie schlafen. Endlich mal eine ausgeprägte Hochdruck-Wetterlage.

Klönschnack-Stimmung auf Deck. Der Bootsmann erzählt stolz über "seine berühmte Polarstern", dass er im Trockendock eine gar nicht so trockene Führung mit einem heute sehr bekannten Romanautor gemacht hat, die anschließend in seinem Umwelt-Meeres-Thriller wieder auftauchte.

Spannung in der Bathymetrie, einer Art geologische Tiefenvermessung des Ozeanbodens per Echolot, das berühmte "Pingg"-Sonar aus unzähligen U-Boot-Filmen. Wir passieren gerade das Unterwassergebirge Discovery Ridge. In Minuten geht es von 4.5oo Meter Tiefe auf 650 zur Bergspitze. "Look. Look, it's strange! So quickly!". Evgeni, der Professor der Moskauer Universität sitzt gebannt vor den Monitoren, spricht mehr zu sich selbst als zu den anderen, seine Begeisterung ist zu fühlen und alle lächeln stumm.

Manni und Uwe knüpfen im unteren Luk ein riesiges Fischernetz schon für die nächste Expedition. Während die Wellen in diesem Raum auch schon mal wüste Klangorgien verursachen, bleiben die beiden ganz cool: "Dat wirsse schon sehen, dat rumst ganz schön wenne 2 Meter Eis has. Joo, dat kann auch scho ma schief sein dat Schiff. Dann musse abba sehn, dasse de Pulle festhälts!"

A propos Pulle. Gleich wird gerüstet für den Grill auf dem Achterdeck. Kaptään hat Geburtstag! Die Mannschaft feilt liebevoll mit Netzen, Bojen und gemaltem Meeresgetier am Partyraum. Gemütlich wird zwischen Winden und Kränen, Containern und Kisten die Stimmung gehievt und ein Würstchen gefiert.


 

- 01.09.06 - Tag 10

67 Tage unterwegs!

Erst jetzt wird so richtig klar in welchen Dimensionen ich stecke.

46 Wissenschaftler machen sich auf den Weg in die Antarktis, um Phänomenen und Merkwürdigkeiten nachzugehen, manchmal Ideen versuchen zu beweisen oder endlich die Daten zu haben, von denen man schon lange wusste aber sie aus welchen Gründen auch immer nie bekam.

Sie alle sind ausgewiesene Experten in ihrem Fach. Da werden in den morgendlichen Vorträgen Formeln und Koeffizienten gepowerpointed, Relationen und Zusammenhänge erläutert und dann bleibt plötzlich beim Frühstück so eine blöde Frage im Raum stehen: Warum heisst der Eisberg im Englischen eigentlich Ice-berg und nicht Ice-mountain? Und selbst David, der Experte aus England bleibt eine Antwort schuldig. Michael, der die Eisberg-Drift untersucht, zuckt nur mit den Schultern. Und allen gemeinsam ist dieses spitzbübische Grinsen.

Es wird ein Spass werden, sie vor die Aufgabe zu stellen, Ihre Arbeit der nächsten Wochen in 3 Sätzen für einen Laien wie mich zu erklären!

Und dann die Crew der Polarstern. Der Kapitän, der immer ansprechbar ist. Manni und Michael, die nach Feierabend gern ein Bierchen zischen. Und Monika "Ick bin ne Bulette - und det hört man ooch!" aus der Messe. Die Gemeinschaft an Bord beschränkt sich nicht auf "die Wissenschaftler" oder "die Mannschaft". Die Witze gehen ineinander über und jeder weiß, was er wert ist! Vielleicht macht gerade diese Mischung das Erfolgsrezept dieser mobilen Forschungsstation?

Ohne gute Grundlage keine wissenschaftliche Spitzenleistung. Und sind 11 Nationen an Bord nicht sogar ein hervorragendes Beispiel für internationale Zusammenarbeit im Sinne des Antarktis-Treatments?


 

- 27.08.2006 -

"12 Tage bis zum Eis sind für 3 Stürme gut".

Mir wird seltsam zumute bei dem Bonmot, das der Fahrtleiter hier zum Besten gibt.

Rund 4.000 km werden wir nun quer durch den Atlantik fahren und schon beim ersten Schaukeln packt mich die Seekrankheit. Zum Glück ist an Bord noch nicht soviel los. Geräte werden ausgepackt, aufgebaut und überprüft, alle warten aufs Eis, damit es endlich losgehen kann. Die Eisgrenze ist sehr weit nördlich in diesem Jahr aber dazwischen liegt dieses Sturmgebiet mit Windstärke 9 und 7-m-Wellen.

Gutmütig grinsend kommen die Ratschläge: "nach 2 Tagen is dat vorbei", "leg dich hin und mach die Augen zu", "immer schön was im Magen haben" und so fort. Der Schiffsdoktor hat die besten Argumente in Form von Pillen und Pflastern.

Man gewöhnt sich an das ständige Auf und Ab, selbst die ganz starken Bewegungen nimmt man eher amüsiert zur Kenntnis. Beim Einschlafen werde ich entweder in die Kissen gepresst oder scheine mit meiner Bettdecke zu schweben. Das gibt viel Raum für Gedanken und Phantasie.

Die Gischt, die über das Vorschiff fliegt, das Lächeln auf den Lippen des Steuermanns, als er unsere Begeisterung sieht und das Vertrauen in die 20.000 PS im Bauch des Schiffes.

Wie sagte der Meteorologe (Wetterfrosch) bei der morgendlichen Besprechung über die Aussichten: "Bad wind, bad wheather, bad sea . . .good luck".


 

- 23.08.06 - Cape Town

Jürgen Wassmuth nutzt die Zeit für die letzten visuellen Eindrücke an Land

Der "South-East" bläst. Und gibt dem berühmten Tafelberg seine Tischdecke aus Wolken. Kapstädter nennen ihn den "Cape doctor", weil er Smog und diesiges Wetter und auch die Hitze im Sommer wegbläst. Gleichzeitig stöhnen sie über das ständige Heulen und Rütteln an Fenstern und Türen.

Eine seltsame Mischung von Architekturen, "Cape Dutch", ein holländisch geprägte Variante kleiner Steinhäuser mit massiven Ziergiebeln und kleinen Fenstern, viktorianisch, Art Deco und viele andere Spuren der Kolonialzeit neben Zweckbauten der Moderne. Eine lässig dahingestreute Atmosphäre, die bestimmt wird von der Mischung der Bevölkerung. Nach dem Ende der Apartheid herrscht Aufbruchstimmung. Die Menschen am Kap sollen ja immer schon sehr freundlich und offen gewesen sein. Aber jetzt kommt sichtbar dazu eine Renovierung ganzer Stadtteile, ausländische Investoren haben Vertrauen in die politische Zukunft Süd-Afrikas.

Auch wenn es viel Armut gibt auf den Strassen - die Arbeitslosigkeit liegt bei 40% in der Stadt und noch höher auf dem Land - eine positive Stimmung herrscht und lässt beschwingt genießen, durch die Stadt zu gehen. Viel holländische Namen und Bezeichnungen lassen mich wie zu Hause fühlen mit den Niederlanden um die Ecke.

Und dann das Kap! Cape of Good Hope! Wenn das kein Zeichen ist, an einem solchen Ort in die grenzenlose Weite zu starten.

Ein Felsen, der zwei Ozeane teilt und mit seiner Form in Richtung Südpol zeigt. Da, in dieser Richtung liegt er in 6000 km Entfernung. Auch wenn der Atlantische und der Indische Ozean mächtige Gebilde sind, die Ahnung der riesige weißen Eisfläche der Antarktis scheint mir beinahe am Horizont. Eine Trugbild meiner Phantasie, unterstützt durch Wolken und Farben, ich weiß.

Aber ein kleiner Vorgeschmack vielleicht, was Weite, Wind und Phantasie mit mir anstellen können.

Nun denn, die POLARSTERN kann kommen!


 

- 21.08.2006 -

Jürgen Wassmuth wird an Bord der POLARSTERN gehen.

Der voraussichtliche Starttermin ist der 24. August. Ab diesem Termin wird auf dieser Website in regelmäßigen Abständen über den Verlauf der Reise berichtet. Jürgen Wassmuth wird während der gesamten Reise fotografieren und ausgesuchte Bilder werden auf diesen Seiten veröffentlicht.

Seien Sie gespannt auf die visuellen Erlebnisse, an denen Sie hier teilhaben können.