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Kunstkalender von der Reise
24.09.2006
Ushuaia, Argentinien II
21.09.2006
Ushuaia, Argentinien I
20.09.2006
Ushuaia, Feuerland, Patagonien, Argentinien
14.09.2006
Abbruch der Seereise
13.09.2006
Rettungsflug im Süd-Polarmeer
11.09.2006
-2 bis 0 Grad
09.09.2006
Eisstation
04.09.2006
Eisberg in Sicht!
02.09.2006
Wir kommen in die 'Wilden Fünfziger'!
01.09.2006
J. Wassmuth: Erst jetzt wird so richtig klar in welchen Dimensionen
ich stecke.
27.08.2006
J. Wassmuth ist an Bord des FS Polarstern (ForschungsSchiff)
23.08.2006
J. Wassmuth sammelt die ersten visuellen Eindrücke von
Cape Town
21.08.2006
J. Wassmuth kommt in Cape Town an und trifft die letzten Vorbereitungen
für die Seereise auf der POLARSTERN
Nichts ist so stark wie eine Idee, dessen Zeit gekommen
ist.
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| Sponsoren |
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Wir danken folgenden Sponsoren, die das Unternehmen -Wassmuth/Polarstern-
unterstützen:
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Ziel
ist die Antarktis, der Fotodesigner Jürgen
Wassmuth reist auf der FS Polarstern, das Flaggschiff
des Alfred-Wegener-Instituts
für Polar- und Meeresforschung:
Ein
Tagebuch direkt von der See...
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Von den Bildern dieser Reise wird ein Kunstkalender
entstehen.
Weitere Informationen in Kürze an dieser Stelle.
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24.09.06 -
Ushuaia,
Argentinien II
Aus
dem Antarktis-Projekt ist eine ATLANTIK PASSAGE geworden!
Mit
der POLARSTERN vom Kap der Guten Hoffnung zum Kap
Horn. Südafrika - Antarktis - Südamerika, das Ende
der Welt. "Eine Küste zu betrachten, wie sie
am Schiff vorbeigleitet, das ist, als ob man über
ein Rätsel nachdachte. Da ist sie vor dir - lächelnd,
abweisend, einladend, grossartig, trostlos, unscheinbar
oder wild, und immer stumm, obwohl sie stets zu flüstern
scheint. Komm her und find es heraus." Joseph Conrad,
Herz der Finsternis.
Das
Unterwegs sein gibt - was immer auch unterwegs passiert
- das erregende Gefühl, ständig etwas Neues
vor sich zu haben. Das unerwartete Ändern der
Pläne und Route gibt den Bildern eine Elektrizität
und damit der neu entstandenen Bild-Geschichte Spannung.
Brummen und Rauschen, Langeweile und Nebel, Eis und
Weite, Kälte und Sonne.
Sonnenstrahlen
sprühen über und unter die Wellen. Lachend strecken
sie dem eisigen Wind ihre Lichtzungen heraus, während
die scharfen Böen sich mit den Schaumkronen zur
Jagd verbünden.
Weit
oben, hinter diesen blau-weiss-gelben Kaskaden leuchten
die Puderzuckerspitzen der Berge, die die Temperaturen
ins Tal fegen, um gegen die Wärme des Lichtes zu
protestieren.
Die
Reise ist niemals zu Ende aber es tut gut, den Heimathafen
anzulaufen.
Auch
die Expedition der POLARSTERN musste abgebrochen werden,
weil das Eis zu dick wurde und die ursprünglichen
Ziele nicht erreicht werden konnten. Der Kontakt reisst
nicht ab und die Gemeinschaft, die an Bord entstanden
ist, diese seltsame Gemeinsamkeit der Menschen, die
eine Expedition unternehmen und sich aufeinander verlassen
und vertrauen, trägt weiter über das Projekt
hinaus.
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21.09.06 -
Ushuaia,
Argentinien I
Die
Piste zum Leuchtturm war ein Steinbruch.
Und
für Roberto war es Ehre und Spass zugleich, die
grossen Gesteinsbrocken zu umkurven wie ein Rennfahrer.
Leider
war es mir nicht möglich, ihm begreiflich zu
machen, dass ich Zeit im Überfluss hatte und
mir nicht an halsbrecherischer schneller Fahrt gelegen
war. Im Gegenteil, alle Versuche, ihn zur Raeson zu
bringen,stachelten ihn noch mehr an. Bis ich mich
schliesslich fügte, mein Schicksal akzeptierte
und erstaunt zur Kenntnis nahm, dass er nun auch ruhiger
und gelassener wurde, sich eine Zigarette zwischen
die Lippen steckte und nur noch ab und zu einen abschätzenden
Blick in den Spiegel warf, um sich meiner Reaktion
zu vergewissern.
Wohlgemerkt,
Ruhe ist ein relativer Begriff. Und
das gilt für argentinische Taxifahrer im Besonderen.
Der
Stolz, mich schliesslich ans äusserste Ende der
Insel bugsiert zu haben, stand ganz im Gegensatz zur
ärmlichen Erscheinung des als Faro, Leuchtturm,
verzeichneten Stahlgerippes mit seinen schwarz-gelb
gestrichenen Blechplatten der Verkleidung. Doch die
Aussicht dahinter!
Der
weite Raum schien sich heute auf alle Spielarten der
Farbe Magenta zu konzentrieren. Solche Pastellfarben
gehen an anderer Stelle als Kitsch durch - heute schaffen
sie eine Atmosphäre, der man nichts - aber auch
gar nichts - hinzufügen kann.
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20.09.06 -
Ushuaia,
Feuerland, Patagonien, Argentinien
El
Fin del Mundo - gestrandet am Ende der Welt.
Ein
paar Tage braucht ich schon, um mich daran zu gewöhnen,
die "grosse weisse Stille" verpasst zu haben, gerade
als ich glaubte, sie be-greifen zu können.
Vom
Weddell-Meer zur Bahia de Ushuaia, mehr als 1000 Kilometer
durch die Drake Passage und den Atlantico del Sud.
Gefrorenes Wasser und Feuerland? Ich reibe mir die
Augen und lese verwundert die Schrift am Hafen, die
mir erzählt, 4.200 Kilometer von Südafrika entfernt
zu sein. Wenn die Welt in Patagonien zu Ende ist,
was ist dann Antarktika? Und wenn im Tierra del Fuego
die Feuer ausgehen, was ist dann bitteschön Ushuaia?
Dies
ist eher der Anfang! Selbst Gevatter Darwin vor 200
Jahren zeigte Begeisterung beim Zusammenspiel von
Meer, Land und Wetter. Leuchtendweisse Bergspitzen
vor dem fjordähnlichen Wassern geben dem Ort
eine Kulisse, die El Fin del Mundo als Werbespruch
entlarvt.
Man
sieht noch die einfachen, ärmlichen Häuser
der vor-touristischen Zeit, gleichzeitig aber schon
die Schicki-Micki-Schuppen zwischen Coffeeshop und
Hotel. Zollfrei zudem! Die kleine Hauptstrasse quillt
über von Touristen und jungen Argentinos, die
mit ihren alten Blechkisten auch ein bischen cruisen
wollen. Abgasgestank inbegriffen. Das Schmunzeln bleibt
im Halse stecken.
Wir
sind auf einer der Inseln des Süd-Atlantik, 55 Grad
Süd, 68 Grad West, die südlichste Stadt der
Welt. Ich weiss nicht, ob der gestrandete rostige
Dampfer im Hafen gewollt pittoresk in Szene gesetzt
oder schlicht der Gleichgültigkeit preisgegeben
wurde. Er passt so genau hierher, dass man die Identität
der früheren und härteren Zeiten spüren
kann unter der gleichmachenden modernen Sosse.
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14.09.06 -
Tanz
mit den Wellen
Der
Blick aus den Kabinenfenstern läßt erstaunliche Wellengebirge
erkennen. Rutscht das Schiff in ein Tal, türmen sich
die grauen Massen bedrohlich hoch, um nur ja keine
Wolke über ihre Gischtkronen lugen zu lassen. Dann
wieder schien das abgerundete Viereck nur noch aus
zerfetzten Wolkenlappen zu bestehen, rasend getrieben
und bedacht, die Sonne zu verhüllen, die es ab und
an trotzdem schafft, ein fahles Licht durch das zerrissene
Grau zu schicken.
Melville
sprach im Moby Dick von der Mächtigkeit und Weite
des Meeres als "the magnamanity of sea". Ein Wort,
das sich nicht übersetzen lässt und in dem alle
Groesse steckt, die ich jetzt erlebe. Die Dünung
kommt von Dwars (von der Seite) und bringt das Schiff
derart zur Krängung, dass Laufen und Bewegung der
Besatzung zur unfreiwilligen Ballettpartitur gerät,
die man nur aufzeichnen müsste, um Stoff und
Anschauungsmaterial für dutzende Tanzschulen zu haben.
Dazu
noch ein Tablett mit Roulade, Kloessen und Kaffee
- eine Anstellung im Zirkus wäre perfekt. Die meisten
Menschen an Bord haben sich dezent in ihre Kammern
zurückgezogen und auch ich bin froh, in meiner Koje
zu liegen.
Das
Rollen vom Bug nach achtern lässt sich nicht vermeiden
aber die seitliche Schaukelbewegung wird aufgefangen
durch die kardanische Aufhängung des Bettgestells.
Kurz gesagt: die Koje schaukelt derart bis zu einem
Winkel von 45 Grad, dass meine Arme immer wieder zucken,
mich aufzufangen vor dem Absturz, dann aber doch amüsiert
zur Kenntnis nahmen: das ganze Schiff schlingerte
- nur ich und meine Koje nicht! Nach einer Weile stiehlt
sich ein Lächeln auf meine Lippen: innerhalb
von 3 Wochen das Südpolarmeer zu durchschippern von
Südafrika nach Feuerland, vom Kap der Guten Hoffnung
zum Kap Hoorn mit all den Eis-Erlebnissen am 60. Breitengrad,
der aussergewöhnlichen Gemeinschaft an Bord,
das ist ein Privileg, das für mich nur entstand,
weil mein Projekt "LightPainting in Ice" abgebrochen
werden musste, als es gerade richtig loszugehen schien.
Es
tut weh, sich davon zu verabschieden. Aber es ist
ein wundervoller Gedanke, die Einladung des Fahrtleiters
wahrzumachen und dieses Projekt, diese Reise bei nächster
Gelegenheit fortzusetzen.
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13.09.06 -
Rettungsflug
im Süd-Polarmeer
Eingepackt
in einen Survival-Suit, wasserdicht und wärmeisolierend,
werde ich unter den hinteren Rotoren in die Ladeluke
geschoben, bis mein Kopf vorn in der Kanzel wieder
hervorkommt. Die Rücksitze der BO 105 sind ausgebaut,
um Platz zu schaffen für die Trage, den Doc und die
Ausrüstungskoffer.
Zwei
Tage zuvor gab es eine Kapitänsentscheidung zur
"Nothafelung".
Wegen
meiner gesundheitlichen Probleme, die nicht in den
Griff zu kriegen waren, sollte ich ausgeflogen werden
zur chilenischen Antarktis-Station auf King George
Island, wo mich ein Flieger aufnehmen und zum Festland
bringen wird. Dem stand aber ein grosses Packeisfeld
entgegen, dessen Durchbrechen zu viel Zeit und Energie
gekostet hätte.
Trotz
bester Wetterbedingungen war die Position aber ausserhalb
der Reichweite der Helicopter. Also weiteres Heranfahren
um das Eis herum. In der Nacht Wetteränderung und
Verschiebung des Flugplans: Schneeschauer im Anmarsch,
wir warten auf ein Flugfenster im Rücken des aufkommenden
Sturms. Mit wundervoller Verabschiedung von Wissenschaftlern
und Besatzung an Bord - einige Tränen rutschten in
den kostbaren Survival Suit - schoben wir uns mit
Getoese in die Luft.
Doch
wie gross war die Enttäuschung nach der Landung:
der chilenische Kommandant verweigerte jede Hilfeleistung,
behauptete, nicht informiert zu sein und schickte
uns zur Polarstern zurück, trotz einer Zusage am
Vorabend. Da die Wettersituation weiterhin instabil
war, wurde schließlich am Ende eines aufregenden Tages
entschieden: Weiterfahrt des Schiffes in die Hubschrauber-Reichweite
von Feuerland, um mich in die Stadt Ushuaia auszufliegen.
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11.09.06 -
-2
bis 0 Grad
"Warm"
ist es geworden, -2 bis 0 Grad. 2 Meter dickes Eis
sorgt für ständige Erschütterungen des Rumpfes,
manchmal neigt sich das Deck zur Seite bei einer besonders
festen Scholle. Die Brücke ist doppelt besetzt. 6
Knoten, alles weiss vor Nebel, nur schemenhaft kann
man offene Wasserstellen entdecken. Das Radar ist
ermoeglicht einmal mehr die Orientierung. Starkes
Schneetreiben. Die Schneedecke klebt am Rumpf und
bremst stark. Die Intering-Anlage ist in Betrieb für
ständiges seitliches Schaukeln, damit der Rumpf nicht
festklemmt. Die Route wird immer wieder mit Ferngläsern
ausgespäht, um Risse und Rinnen zu finden bzw. Eis-Ridges
zu vermeiden. Gegen ein Festfahren im Eis ist Fingespitzengefühl
gefragt. Trotz allem grosse Ruhe.
Kurz
vor den South Orkney Islands erzählt der Kapitän
über die Antarktis, den internationalen Vertrag und
den 60. Breitengrad. 1958 wurde der Vertrag für 50
Jahre unterzeichnet mit einem Zusatzprotokoll von
1990. Keine Nation kann Besitzansprüche stellen,
jeder, der über den 60. Breitengrad fährt, meldet
sich bei der SCAR (Standing Comitee of Antarctic Research)
an und hat bestimmte Regeln zum Schutz des "Weltparks
Antarktis" zu befolgen. Auch
an Bord werden wir noch einmal eindringlich unterwiesen.
Mühsam
und quälend langsam geht es voran - oder vielmehr
nicht: was wir an Fahrt bewältigen wird zunichte gemacht
durch die Eisdrift. Wir haben Gegenwind aus Süd-West.
Wir sind immer noch nicht da, wo wir vor 6 Stunden
hätten sein sollen. Zeitpläne haben eine
sehr geringe Halbwertzeit ich lerne, dass Fahrten
ins Eis sehr viel Geduld und Flexibilität erfordern.
Nächste
Station wird wohl die eigene Koje sein.
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09.09.06 -
Eisstation
20
rote Tempex-Anzüge stürmen die Gangway hinunter,
unterschiedlichste Schlitten und Kisten im Schlepptau.
Als wollten die durchs Warten gequälten Wissenschaftler-Seelen
sich endlich Raum schaffen, schwärmen sie in
Mannschaftsstärke aus, nicht ohne ihre Claims
abzustecken und sehr deutlich zu machen, das dieser
spezielle Abschnitt ihrer sei und tabu für die anderen.
Geräte ausgepackt, zusammengebaut, Papier und Bleistift
gezückt, brüllen ploetzlich und vielstimmig die
Motoren. Eis wird gebohrt, begutachtet, zerteilt und
abgepackt. Bäuchlings vor den Eislöchern wird vorsichtig
mit Suppenkellen Probe genommen. Konzentrierte Arbeit
für die nächsten zwei Stunden. Und nur die Dunkelheit
kann die Besessenen davon abhalten, der Kälte zu
trotzen. Den Wetterumschwung mit dem schoenen Sonnenuntergang
haben ohnehin gar nicht alle bemerkt. Mit den letzten
Lichtstrahlen wird Sack und Pack zurückbefoerdert
und erschoepft sitzt man beim Abendessen.
Aber
damit nicht genug. Proben müssen untersucht, analysiert
und verpackt werden für weitere Arbeiten zu Hause
in Deutschland, Geräte gesäubert, Akkus geladen
und neue Behälter bereitgestellt werden. Manches
Laborlicht erlischt erst mitten in der Nacht, während
die Polarstern schon lange wieder unterwegs ist zur
nächsten "Station".
Die
Nacht ist geprägt vom stundenlangen Rammen einer
riesigen Eisscholle, die den Weg versperrt. Vor und
zurück peitschen die riesigen Motoren das Weddell-Meer
und immer wieder läuft ein Rumpeln und Zittern durch
das Schiff, als bäume es sich wütend auf gegen das
Eis, das zwischen die Schrauben kommt und das Weiterkommen
erschwert.
Trotz
aller Widrigkeiten sitzt Storekeeper Jörg (Pelle)
rittlings auf dem Motorblock, die Arme bis zur Schulter
im Zylinderkopf vergraben. Mal eben Auslass- und Einspritzventil
austauschen, weil der Motor nicht rund lief. Gut gelaunt
und ein Auge zwinkernd foerdert er erstaunlich grosse
Einzelteile zu Tage und in all dem Brüllen und Brausen
im Bauch der Polarstern diskutiert er mit dem Chief
die Reparatur. Seit 24 Jahren sind die Maschinen im
Einsatz, 24 Stunden pro Tag. Mitten im Eis des antarktischen
Ozeans eine Operation am offenen Motor als sei es
das normalste der Welt.
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04.09.06 -
Eisberg
in Sicht
Das
Meer ist verdächtig ruhig. Die sachte Bewegung des
Schiffes passt zu dem Blick aus dem Bullauge. Grau
über Grau sind Himmel und Wasser nur durch eine undefinierbare
Linie im Nebel getrennt. Es regnet. "Genießt den Regen,
es kann der letzte für 9 Wochen sein!" schmunzelt
der Wetterfrosch.
Angeregte
Stimmung beim Frühstück. Ein Gespräch über die 'Delle
im Indischen Ozean'. Ich kann der Experten-Diskussion
kaum folgen und frage nach: durch geringe Dichte der
Erdkruste unter dem Ozean kommt es zu unterschiedlicher
Gravitation. Was wiederum dazu führt, daß der Indische
Ozean zu einer gigantischen Wasserschüssel mit ca.
100 Meter Tiefe verformt wird. Was das mit der Antarktis
zu tun hat? Bis auf die Tatsache, daß auch die GPS-Satelliten
von diesem Phänomen beeinflusst werden, eigentlich
nichts - nur entspannende Unterhaltung unter Wissenschaftlern.
Die Eisgrenze rund um den Kontinent verläuft in diesem
Jahr sehr weit nördlich und wir nähern uns einer Eis-Nase
in der Nähe der Sandwich Islands nach einem Tiefseegraben
von 7000 Metern. Packeis, Pfannkuchen-Eis, Shuga-Eis
und Viel-Jahres-Eis schwirren als Begriffe durch den
Salon. Christian rekrutiert Eis-Beobachter. Je näher
wir dem Eis kommen, umso mehr scheint sich das Vibrieren
der Motoren und des Schiffes auf die Menschen zu übertragen.
Überall wird gehämmert, gebohrt, geschrieben und getestet.
Labore werden zusammengebaut, Geräte überprüft und
die Crew erfüllt Sonderwünsche wie Eis-Stopfen (damit
die Löcher nicht ständig zufrieren), Kästen für das
Ernten von Frost-Blumen und Auslegerschlitten für
Wasserproben.
Das
Tiefdruckgebiet scheint nach Norden abgewandert und
die Aussicht auf gutes Wetter auf dem Eis lockt.
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02.09.06 -
Wir
kommen in die 'Wilden Fünfziger'!
Aber
sind ganz glücklich, daß sie schlafen. Endlich mal
eine ausgeprägte Hochdruck-Wetterlage.
Klönschnack-Stimmung
auf Deck. Der
Bootsmann erzählt stolz über "seine berühmte Polarstern",
dass er im Trockendock eine gar nicht so trockene
Führung mit einem heute sehr bekannten Romanautor
gemacht hat, die anschließend in seinem Umwelt-Meeres-Thriller
wieder auftauchte.
Spannung
in der Bathymetrie, einer Art geologische Tiefenvermessung
des Ozeanbodens per Echolot, das berühmte "Pingg"-Sonar
aus unzähligen U-Boot-Filmen. Wir passieren gerade
das Unterwassergebirge Discovery Ridge. In Minuten
geht es von 4.5oo Meter Tiefe auf 650 zur Bergspitze.
"Look. Look, it's strange! So quickly!". Evgeni, der
Professor der Moskauer Universität sitzt gebannt vor
den Monitoren, spricht mehr zu sich selbst als zu
den anderen, seine Begeisterung ist zu fühlen und
alle lächeln stumm.
Manni
und Uwe knüpfen im unteren Luk ein riesiges Fischernetz
schon für die nächste Expedition. Während die Wellen
in diesem Raum auch schon mal wüste Klangorgien verursachen,
bleiben die beiden ganz cool: "Dat wirsse schon sehen,
dat rumst ganz schön wenne 2 Meter Eis has. Joo, dat
kann auch scho ma schief sein dat Schiff. Dann musse
abba sehn, dasse de Pulle festhälts!"
A
propos Pulle. Gleich wird gerüstet für den Grill auf
dem Achterdeck. Kaptään hat Geburtstag! Die Mannschaft
feilt liebevoll mit Netzen, Bojen und gemaltem Meeresgetier
am Partyraum. Gemütlich wird zwischen Winden und Kränen,
Containern und Kisten die Stimmung gehievt und ein
Würstchen gefiert.
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01.09.06 - Tag 10
67
Tage unterwegs!
Erst
jetzt wird so richtig klar in welchen Dimensionen
ich stecke.
46
Wissenschaftler machen sich auf den Weg in die Antarktis,
um Phänomenen und Merkwürdigkeiten nachzugehen, manchmal
Ideen versuchen zu beweisen oder endlich die Daten
zu haben, von denen man schon lange wusste aber sie
aus welchen Gründen auch immer nie bekam.
Sie alle sind ausgewiesene Experten in ihrem Fach.
Da werden in den morgendlichen Vorträgen Formeln und
Koeffizienten gepowerpointed, Relationen und Zusammenhänge
erläutert und dann bleibt plötzlich beim Frühstück
so eine blöde Frage im Raum stehen: Warum heisst der
Eisberg im Englischen eigentlich Ice-berg und nicht
Ice-mountain? Und selbst David, der Experte aus England
bleibt eine Antwort schuldig. Michael, der die Eisberg-Drift
untersucht, zuckt nur mit den Schultern. Und allen
gemeinsam ist dieses spitzbübische Grinsen.
Es
wird ein Spass werden, sie vor die Aufgabe zu stellen,
Ihre Arbeit der nächsten Wochen in 3 Sätzen für einen
Laien wie mich zu erklären!
Und
dann die Crew der Polarstern. Der Kapitän, der immer
ansprechbar ist. Manni und Michael, die nach Feierabend
gern ein Bierchen zischen. Und Monika "Ick bin ne
Bulette - und det hört man ooch!" aus der Messe. Die
Gemeinschaft an Bord beschränkt sich nicht auf "die
Wissenschaftler" oder "die Mannschaft". Die Witze
gehen ineinander über und jeder weiß, was er wert
ist! Vielleicht macht gerade diese Mischung das Erfolgsrezept
dieser mobilen Forschungsstation?
Ohne
gute Grundlage keine wissenschaftliche Spitzenleistung.
Und sind 11 Nationen an Bord nicht sogar ein hervorragendes
Beispiel für internationale Zusammenarbeit im Sinne
des Antarktis-Treatments?
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- 27.08.2006 -
"12
Tage bis zum Eis sind für 3 Stürme gut".
Mir
wird seltsam zumute bei dem Bonmot, das der Fahrtleiter
hier zum Besten gibt.
Rund
4.000 km werden wir nun quer durch den Atlantik fahren
und schon beim ersten Schaukeln packt mich die Seekrankheit.
Zum Glück ist an Bord noch nicht soviel los. Geräte
werden ausgepackt, aufgebaut und überprüft, alle warten
aufs Eis, damit es endlich losgehen kann. Die Eisgrenze
ist sehr weit nördlich in diesem Jahr aber dazwischen
liegt dieses Sturmgebiet mit Windstärke 9 und 7-m-Wellen.
Gutmütig
grinsend kommen die Ratschläge: "nach 2 Tagen is dat
vorbei", "leg dich hin und mach die Augen zu", "immer
schön was im Magen haben" und so fort. Der Schiffsdoktor
hat die besten Argumente in Form von Pillen und Pflastern.
Man
gewöhnt sich an das ständige Auf und Ab, selbst die
ganz starken Bewegungen nimmt man eher amüsiert zur
Kenntnis. Beim Einschlafen werde ich entweder in die
Kissen gepresst oder scheine mit meiner Bettdecke
zu schweben. Das gibt viel Raum für Gedanken und Phantasie.
Die
Gischt, die über das Vorschiff fliegt, das Lächeln
auf den Lippen des Steuermanns, als er unsere Begeisterung
sieht und das Vertrauen in die 20.000 PS im Bauch
des Schiffes.
Wie
sagte der Meteorologe (Wetterfrosch) bei der morgendlichen
Besprechung über die Aussichten: "Bad wind, bad wheather,
bad sea . . .good luck".
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23.08.06 - Cape Town
Jürgen
Wassmuth nutzt die Zeit für die letzten visuellen
Eindrücke an Land
Der
"South-East" bläst. Und gibt dem berühmten Tafelberg
seine Tischdecke aus Wolken. Kapstädter nennen ihn
den "Cape doctor", weil er Smog und diesiges Wetter
und auch die Hitze im Sommer wegbläst. Gleichzeitig
stöhnen sie über das ständige Heulen und Rütteln
an Fenstern und Türen.
Eine
seltsame Mischung von Architekturen, "Cape Dutch",
ein holländisch geprägte Variante kleiner Steinhäuser
mit massiven Ziergiebeln und kleinen Fenstern, viktorianisch,
Art Deco und viele andere Spuren der Kolonialzeit
neben Zweckbauten der Moderne. Eine lässig dahingestreute
Atmosphäre, die bestimmt wird von der Mischung der
Bevölkerung. Nach dem Ende der Apartheid herrscht
Aufbruchstimmung. Die Menschen am Kap sollen ja
immer schon sehr freundlich und offen gewesen sein.
Aber jetzt kommt sichtbar dazu eine Renovierung
ganzer Stadtteile, ausländische Investoren haben
Vertrauen in die politische Zukunft Süd-Afrikas.
Auch
wenn es viel Armut gibt auf den Strassen - die Arbeitslosigkeit
liegt bei 40% in der Stadt und noch höher auf dem
Land - eine positive Stimmung herrscht und lässt
beschwingt genießen, durch die Stadt zu gehen. Viel
holländische Namen und Bezeichnungen lassen mich
wie zu Hause fühlen mit den Niederlanden um die
Ecke.
Und
dann das Kap! Cape of Good Hope! Wenn das kein Zeichen
ist, an einem solchen Ort in die grenzenlose Weite
zu starten.
Ein
Felsen, der zwei Ozeane teilt und mit seiner Form
in Richtung Südpol zeigt. Da, in dieser Richtung
liegt er in 6000 km Entfernung. Auch wenn der Atlantische
und der Indische Ozean mächtige Gebilde sind, die
Ahnung der riesige weißen Eisfläche der Antarktis
scheint mir beinahe am Horizont. Eine Trugbild meiner
Phantasie, unterstützt durch Wolken und Farben,
ich weiß.
Aber
ein kleiner Vorgeschmack vielleicht, was Weite,
Wind und Phantasie mit mir anstellen können.
Nun denn, die POLARSTERN kann kommen!
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21.08.2006 -
Jürgen Wassmuth wird an Bord der POLARSTERN
gehen.
Der
voraussichtliche Starttermin ist der 24. August.
Ab diesem Termin wird auf dieser Website in regelmäßigen
Abständen über den Verlauf der Reise berichtet.
Jürgen Wassmuth wird während der gesamten
Reise fotografieren und ausgesuchte Bilder werden
auf diesen Seiten veröffentlicht.
Seien
Sie gespannt auf die visuellen Erlebnisse, an denen
Sie hier teilhaben können.
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